Le coeur perdu – Paris

Dünner Faden, dicke Nadel: So passt du Nadelstärke richtig an

Gerade Nähte ohne aufgezeichnete Linie entstehen nicht durch Glück, sondern durch kontrollierte Bewegung. Wer zum ersten Mal ohne Kreidelinie näht, verliert meist nach wenigen Zentimetern die Spur, weil die Augen dem Nadelstich folgen und nicht dem Stoffrand. Der entscheidende Trick: Der Blick ruht nicht auf der Nadel, sondern auf einem festen Punkt der Stichplatte, der als optische Führung dient. Viele Nähmaschinen haben dafür eine Markierung, oft eine kleine Kerbe oder eine Schraube. Fehlt sie, klebt ein Stück farbiges Klebeband in der gewünschten Nahtzugabe auf die Stichplatte.

Ein Knopf, der nach zwei Wochen wieder abfällt, liegt selten am Nähgeschick. Meistens fehlt der Stiel, also der kleine Fadenhals zwischen Stoff und Knopf. Ohne diesen Zwischenraum wird der Faden beim Zuknöpfen permanent gespannt und durchgescheuert. Wer den Stiel wickelt und den Faden sauber vernäht, hat einen Knopf, der hält – auch an Jacken, Mänteln und Hosen, wo Zug drauf kommt.

Als Ausgangspunkt gilt eine einfache Regel: Die Nadelstärke sollte etwa dem Doppelten des Fadendurchmessers entsprechen, gemessen in Hundertstelmillimetern. Ein Faden der Stärke 40 – also 0,40 Millimeter – verlangt eine Nadel der Stärke 80. Bei Stickfäden der Stärke 60 passt eine 90er oder 100er Nadel. Diese Faustformel ersetzt kein Ausprobieren, verhindert aber grobe Fehlgriffe. Für jeden neuen Faden also erst den Durchmesser bestimmen, dann die Nadel wählen, nicht umgekehrt.

Die Nadelstärke folgt nicht dem Stoff allein und auch nicht dem Faden allein. Sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel beider: Ein feiner Faden in einer zu dicken Nadel rutscht unkontrolliert durch das Öhr und hinterlässt keine saubere Naht. Ein dicker Faden in einer zu dünnen Nadel füllt das Öhr vollständig aus, reibt am Metall und franst bereits nach wenigen Stichen aus. Wer beide Größen aufeinander abstimmt, näht gleichmäßiger und schont die Maschine.

Für die Messung am Körper wird ein Maßband straff unter die Achsel gelegt und der Abstand bis zur Schulternaht genommen. Wichtiger ist jedoch die Messung am Schnitt oder am fertigen Kleidungsstück. Dafür das Rückenteil flach auf den Tisch legen, die Schulternaht ausstreichen und die Achselnaht bis zur tiefsten Stelle verfolgen. Von dort senkrecht nach oben bis zur Schulternaht messen. Bei einem gut sitzenden Vergleichsstück liefert diese Methode den verlässlichsten Wert, weil sie die tatsächliche Passform abbildet und nicht eine theoretische Konfektionsgröße.

Ein weiterer häufiger Fehler ist der Wechsel der Nadel ohne Anpassung der Fadenspannung. Eine dickere Nadel öffnet den Stoff stärker, der Faden braucht mehr Spiel. Wird die Spannung nicht reduziert, zieht die Naht den Stoff zusammen. Nach jedem Nadelwechsel also ein kurzes Probenähen auf einem Reststück desselben Stoffes, mit demselben Faden. Erst wenn Stichlänge, Spannung und Nadelstärke zusammenpassen, geht es an das eigentliche Projekt.

Die Nadelstärke ist kein fester Wert, sondern eine abhängige Größe. Sie folgt dem Faden, richtet sich nach dem Stoff und wird durch die Fadenspannung ergänzt. Wer diese drei Größen getrennt betrachtet, produziert Fehler. Wer sie gemeinsam einstellt, näht sauber und gleichmäßig – unabhängig davon, ob gerade ein feiner Seidenfaden oder ein grober Jeansfaden durch die Maschine läuft.

Beim Bund selbst gilt: Nie einfach ein Stück abschneiden und stumpf zusammennähen. Der Bund hat eine Einlage, die ebenfalls gekürzt werden muss, sonst wellt er sich. Die Nahtzugabe an der neuen Verbindung mindestens einen Zentimeter lang lassen und die Einlage vor dem Zusammennähen entfernen. Anschließend den Bund bügeln, nicht nur nähen. Ein ungebügelter Bund sitzt nie flach, egal wie sauber die Naht ist.

Ein häufiger Fehler ist das Abstecken am Körper. Wer den Rock beim Anpassen trägt, zieht ihn unbewusst auseinander oder zusammen. Besser: den Rock auf links drehen, flach legen und die Differenz an der Bundnaht abmessen. Wer unsicher ist, heftet die Änderung mit einer Handnaht, probiert sie an und näht erst dann mit der Maschine. Das kostet zehn Minuten und erspart das Auftrennen.

Nach dem Nähen die Nahtzugaben auseinanderbügeln und die neue Weite prüfen. Sitzt der Bund noch zu weit, liegt es meist daran, dass die Einlage nicht mitgekürzt wurde. Sitzt er zu eng, wurde an der falschen Stelle gemessen. Wer diese Reihenfolge einhält – erst messen, dann Seitennähte, dann Abnäher, zuletzt der Bund – bekommt einen Rock, der sitzt, ohne dass der Bund neu aufgebaut werden muss.

Die Stoffschere erkennt man an langen, leicht gebogenen Klingen und einem Griff, in den mehrere Finger passen. Diese Form erlaubt es, den Stoff flach auf dem Tisch zu führen, ohne ihn anzuheben. Ein durchgehender Schnitt in einem Zug ist das Ziel, denn jeder Zwischenstopp erzeugt Zacken. Wichtig ist die Reservierung: Eine Stoffschere darf niemals Papier schneiden. Papierfasern sind abrasiv und stumpfen die Schneide innerhalb weniger Schnitte so stark, dass der Stoff anschließend gequetscht statt getrennt wird.

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